Patricia Bourcillier
Magersucht & Androgynie
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Einleitung

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5

Epilog

Bibliographie

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1. Historische Anmerkungen

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1.4 Magersucht als Zustand der Undefinierbarkeit

Mit der Barbie-Puppe kam 1959 das neue Schönheitsideal: Beine bis zum Hals, Haare blond bis zur Wespentaille, so infizierte sie heillos Millionen Mädchen mit dem Virus "Idealfigur". Das Zeitalter der Magersucht fing nun erst richtig an. Heute ist der häufigste Grund, sich beim Essen zurückzuhalten, der Wunsch nach einer schlanken sportlichen Körpergestalt. Die Schlankheit der Frau kulminiert in der Leichtathletik, einer von Fortpflanzungszwängen befreiten Sexualität, einer Art androgyner Unabhängigkeit. Was auf diese Weise wie eine Darstellung der freien Sexualität begann (1965 kam gleichzeitig mit Twiggy die Pille auf den Markt), hat allmählich eine einschränkende und entfremdende Funktion bekommen, die den weiblichen Körper bedroht. Die sexuelle Befreiung hielt plötzlich alle "in einem Zustand der Undefinierbarkeit", schreibt J. Baudrillard. Die magersüchtige Frau wurde zur Karikatur unserer Zeit, da sie durch ihre Magerkeit die Frage nach ihrer eigenen Definition stellte: "Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein?". Niemand weiß nun genau, woran er ist. Dieses Phänomen wurde schon durch die Popstars der 80er Jahren, durch diejenigen, die die Herausforderung der Undefinierbarkeit stellen und die mit den Geschlechtern spielen, deutlich. Weder männlich noch weiblich, auch nicht unbedingt homosexuell sind Boy George, Michael Jackson, Prince, David Bowie, Grace Jones, Sinead O'Connor, Annie Lennox und viele andere. Die Helden der vorausgehenden Generation verkörperten die explosive Figur von Sex und Lust; die Idole von heute stellen die Frage nach dem Geschlechtsunterschied und nach ihrer eigenen Undefinierbarkeit. Michael Jackson überrascht und erfreut seine Fans als zierliche Märchenfigur und überbrückt bei seinen Video-Clips die starren Trennungslinien zwischen den Geschlechtern, indem er sich ein immer weiblicheres Gesicht zuschneiden läßt. Ganz bewußt wird da die geheimnisvolle Faszination der Androgynie, die die Zuschauer in ihrer Doppeldeutigkeit verwirrt, als wirksame Waffe eingesetzt, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen. Jackson wurde schließlich zur Verkörperung einer "anorektischen Generation", weil er sich auf nichts mehr festlegen ließ, weder auf Hautfarbe, noch auf Rasse oder Geschlecht, und sich als Mensch definierte, der "sein Leben in der Hand hat". Sein Erfolg war seine Botschaft, und darin war er maßlos und zielstrebig. Dies führt aber zwangsläufig zu Einsamkeit. Sein anorektisches Körperbild drückt dieses Unbehagen, diese beunruhigende Fremdheit aus: "Bin ich geschlechtlich? Welches Geschlecht habe ich? Ist Sex überhaupt notwendig? Wo liegt der sexuelle Unterschied?"

Ausgehend von der Hypothese der Undefinierbarkeit können wir feststellen, daß das magersüchtige Subjekt nach einem Schönheitsideal strebt, das die Macht jener Faszination behält, die die unbestimmten Formen der Frühjugend ausübt. Es trotzt der Zeit und hält die Formveränderungen zurück, um eine relativ geschlechtliche Undefinierbarkeit offen zu lassen. Fast könnten wir sagen, daß die Magersucht das Verlangen einer Identität jenseits der Geschlechtlichkeit widerspiegelt. Unisex oder bisexuell stellt das magersüchtige Körperbild ein neutrales Geschlecht dar und erhält unbewußt eine mögliche Bisexualität aufrecht, das sogenannte "androgyne Ideal", das schon von Virginia Woolf beschrieben wurde: "Man hat einen profunden, wenn auch irrationalen Instinkt, der für die Theorie spricht, daß die Einheit von Mann und Frau die größte Befriedigung mit sich bringt, das vollkommenste Glück", sagte sie in ihrer Rede "Ein Zimmer für sich allein". "Vielleicht kann ein Geist, der nur maskulin ist, ebensowenig schöpferisch sein wie ein Geist, der rein weiblich ist", dachte sie. Die Verbindung zwischen Schlankheit und Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht konnte sich außerdem auch als wesentlich für die Entwicklung solcher Ideale verstehen. Virginia Woolf war sich ihres Standes bewußt, und Tania Blixen hielt Distanz zu den Siedlern in Afrika, die ihr nicht ebenbürtig waren. Nach Susan Sontag wäre die Magersucht in dieser Hinsicht mit der Tuberkulose im vorigen Jahrhundert vergleichbar. Die Psychoanalyse ist aber, was den Einfluß der Mode auf die Magersucht betrifft, einer ganz anderen Meinung. Sie erkennt zwar - könnte sie es überhaupt bestreiten? - die Idealisierung der Schlankheit und noch mehr den derzeit zunehmenden Muskelbau des weiblichen Körpers in der Werbung an, konzentriert sich jedoch seit den fünfziger Jahren auf die Mutter-Kind-Beziehung bzw. auf die Rolle der prä-ödipalen Erfahrung in der Entstehung der Magersucht. Tatsächlich fällt der Anfang der Nahrungsverweigerung mit dem bewußten Wunsch zusammen, ein paar Pfunde zu verlieren, aber Magersucht hat nichts mit einer Abmagerungskur zu tun, die sich verselbständigt und über die die Betroffene die Kontrolle verloren hat. Die meisten Autoren deuten mittlerweile Eßstörungen bei Frauen als Ausdrucksform gegen familiäre und gesellschaftliche Gewalt. Vor allem bulimische Frauen waren in ihrer Kindheit oder als Heranwachsende häufig Opfer sexuellen Mißbrauchs oder sexueller Belästigung. Als Virginia Woolf schrieb, daß jede Frau "ein Zimmer für sich allein" benötige, meinte sie nicht nur den physischen Raum, sondern auch die Integrität des Körpers und das Recht auf sexuelle Enthaltsamkeit.


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