Patricia Bourcillier
Magersucht & Androgynie
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Einleitung

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5

Epilog

Bibliographie

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3. Die Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit mit der Mutter

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3.5 Die Jungfrau Mutter: zugleich Vater und Mutter

Der gesunde Säugling empfindet sein "In-der-Welt-sein-und-leben" vom libidinösen und organischen Standpunkt aus als vollkommenes Mitschwingen mit den Affekten beider Eltern bei seiner Geburt und mit ihrer emotionellen Reaktion auf seinen "kleinen Unterschied", sein männliches oder weibliches Geschlecht. Man kann sagen, schreibt Dolto, daß der als gut, schön und angenehm anerkannte weibliche Säugling schon die erste Klippe umschifft hat, wenn er/sie eine Mutter vorfindet, die ihre Mutterschaft glücklich durchlebt hat, von ihrem Partner geliebt wird und sich daher freut, in ihrem Kind die Züge ihrer Vereinigung wiederzufinden. Leider kommt es noch zu häufig vor, daß die jungen Mütter den männlichen Säugling vorziehen, weil sie sich selbst und ihr Geschlecht nicht genug lieben und selbst oft von ihrer Mutter "lieblos" und entfernt von ihrem Vater erzogen wurden. Unterschiede in der mütterlichen Pflege in Abhängigkeit davon, ob der Säugling weiblich oder männlich ist, bestehen zweifelsfrei. Die Dauer des Stillens zeigt die mütterliche Verfügbarkeit wie ihre emotionelle und physische Beteiligung. Die kurze Dauer des Stillens bei weiblichen Säuglingen wird von der Italienerin Belotti auf den mütterlichen Druck zurückgeführt, denn die Begierde wird viel weniger bei Mädchen als bei Jungen von der Mutter toleriert. Nach Brusset wäre zudem die Unterdrückung der infantilen sexuellen Äußerungen ebenfalls stärker bei Mädchen, und das gesamte Verhalten der Mutter gegenüber dem Körper des kleinen Mädchens gäbe Anlaß zu mehr Ambivalenz als bei dem Jungen. Nun ist die Mutter hinsichtlich des Erotismus die erste Initiatorin, und die Lust des Kindes ist eine Antwort auf die Lust der Mutter. Die Lustfähigkeit der Mutter erscheint daher bestimmend für das sexuelle Erwachen des Säuglings.

"Orexis" heißt auf griechisch "die Arme ausstrecken" und im weiteren Sinne das, was sich erhebt: das Begehren. "Anorexis" heißt das Gegenteil: fehlendes Begehren bzw. Verweigerung, Verlangen nach dem Nichts. Auffallend ist, daß die Mütter magersüchtiger Frauen "heimlich oder offen Abscheu vor dem Fleischlichen, dem Geschlecht, den Ausscheidungen und der körperlichen Lust" bekunden, schreibt Palazzoli. "Sie fördern Ehrgeiz und Selbstbewußtsein bei ihren Kindern, wobei sie aber streng zwischen Söhnen und Töchtern unterscheiden." Wie sollte man sich dann darüber wundern, daß viele magersüchtige Mädchen oder Frauen doch gern ein Junge gewesen wären. Im Wunsch, einen Penis zu haben, verbirgt sich aber der Wunsch nach Gleichberechtigung mit dem Bruder, der von der Mutter verhätschelt wurde, oder ganz einfach der Wunsch, der Mutter zu gefallen. Das Mutter-Säugling-Verhältnis prägt das Kind unauslöschbar in seinen späteren emotionellen und sexuellen Modalitäten.

In dieser anfänglichen Phase entstammen alle Befriedigungen des Säuglings den Befriedigungen des Hörens, des Geruchs, des Sehens und der oralen Mundaktivität, die auf die Anwesenheit der Mutter Bezug nehmen. Die Mutter ist in der Regel das erste Objekt, das als Liebes- und Lustspender erlebt wird, und dies bezieht sich nicht nur auf die orale Lust, sondern auch auf den ganzen Körper und dessen biologische Rhythmen. Falls die Mutter als frustrierend erlebt wird, ruft ihre Anwesenheit beim Säugling gestörte peristaltische Reaktionen hervor: Anorexie (hier Appetitlosigkeit), Verdauungs-und Wachstumsstörungen, Toxikose. Wichtig bei der Entwicklung des kleinen Mädchens ist daher eine Mutter, deren physische und symbolische Person vom Liebespartner Bestätigung erhält. Wenn dies nicht der Fall ist, wird das kleine Mädchen in einer sogenannten "dualen" Beziehung zwischen Körper und Seele eingespannt sein, die die Identifizierung mit der Mutter hemmen wird.

Diese Problematik läßt sich für die Magersüchtige innerhalb eines sehr engen und konfliktuellen Verhältnisses mit der Mutter um so mehr einordnen, wenn der Vater seine Rolle als Dritter nicht übernommen hat. Sein Ausgeschlossensein bzw. sein Sichausschließen scheint den Objektwechsel verhindert zu haben, den die sexuelle Entwicklung des Mädchens notwendigerweiser erfordert. Marie-Victoire Rouillers Geschichte ist das erschütternde Zeugnis dieser Zwei-Einheit in einer Welt, aus der der Mann völlig ausgeschlossen ist:

"Was für eine Freude für Sie, die Jungfrau-Mutter zu spielen", warf die junge Frau ihrer Tante vor. "Mein Vater liebte Sie und Sie wußten es, aber Sie gingen ins Kloster und er heiratete Ihre Schwester. Als sie starb, weinten Sie bestimmt viel, beteten viel, aber Sie haben uns verlassen. Gott zuzuhören, der Sie liebte, ohne Sie zu brauchen, war weniger verwirrend als das Begehren eines Mannes zu hören, der Sie nicht gleichgültig ließ."

Marie-Victoires Tante verkörpert bis zum Exzeß die dominante, kühle und rigide Mutter, die von manchen Autoren beschrieben wird, nachdem der Vater aus der Familie ausgeschlossen wurde oder als feindselig, enttäuschend erlebt wird:

"Vielleicht wäre ich anders geworden, wenn er mich geliebt hätte, er liebte zu sehr sein Leiden, um es mit den Lebenden teilen zu wollen", klagte sie in einem anderen Brief.

Zum Annehmen der Mutter gehört auch das Annehmen des Vaters. Hier könnten wir die Suche nach dem Nichts, die die Magersucht darstellt, der Verwerfung des Vaters aufbürden, oder viel mehr dem "Namen des Vaters", wie Lacan diese definierte. "Im Namen des Vaters" ist weder Familienname, noch der Vater als Person. Er ist im Subjekt der Signifikant, der das Gesetz darstellt.

Warum ist dieser "Signifikant" wichtig? Weil er den Unterschied zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen, zwischen Natur und Kultur, einführt. Man braucht natürlich keinen Signifikanten, um Vater oder tot zu sein, aber ohne Signifikant wird niemand von den beiden Seinszuständen jemals etwas erfahren. So meint Lacan mit dem Ausdruck "Im Namen des Vaters (...) eine Instanz, die nicht auf Verwandlungen des realen oder imaginären Vaters reduzierbar ist und die das Gesetz verkündet." Damit der Mensch von der Funktion des "Namens des Vaters" gekennzeichnet wird, muß dieser symbolische Platz des Vaters für die Mutter existieren. Es reicht nicht aus, daß die Mutter sich mit der Person des Vaters abfindet, sondern es ist wichtig für die Entwicklung des Kindes, daß sie Wert auf das Wort bzw. auf die Autorität des Vaters legt, mit anderen Worten auf den Platz, den sie im Namen des Vaters in der Beförderung des Gesetzes sicherstellt. Nach Lacan hat eine Frau den Namen eingegliedert, wenn sie akzeptiert, daß der Vater durch sein Eingreifen das Kind aus dem dyadischen todbringenden Zustand, in dem es sich für den Phallus der Mutter hält, vertreibt. Am Beispiel von Violette Leduc können wir dies deutlicher machen. Als kleines Mädchen wurde sie zum Kind-Penis - Wiedergutmachung der vom Liebhaber verlassenen und deprimierten Mutter - und ließ die Mutter genießen, genau dort, wo der Ur-Schmerz war. Von jeher nahm Violette Berthes Gram wahr: "Berthe, meine Mutter, ich war doch dein Gatte vor deiner Hochzeit", sagte sie. Sie pflegten aneinandergepreßt zu schlafen, "ihre Hinterbaken, die niemals groß gewesen waren, in der Höhlung meines Schoßes, gegen meinen Bauch und meine Schenkel eines kleinen Mädchens von neun Jahren." Violette war untrennbar mit der Mutter verbunden, ein Bestandteil von ihr, ihr "Anhängsel", und ersetzte den abwesenden Phallus. Sie hatte unablässig das Gefühl, das Vakuum ausfüllen zu müssen, das der an Tuberkulose verstorbene Vater hinterlassen hatte. Die "allmächtige", alleinstehende Mutter hatte ihrer Tochter nichts zu tradieren, da sie sie als "Selbstobjekt", das heißt als Teil der eigenen Person, behandelte.

Viele magersüchtige Frauen haben im Gegensatz zu Violette einen Vater, doch wird hier der vom Wort der Mutter abhängige Vater auf die symbolische Nichtigkeit seiner Funktion reduziert, gleichgültig, ob er seine soziale Rolle gut oder schlecht erfüllt. Innerhalb der Familie ist ein solcher Vater nicht selten ein verwöhntes Kind, das nicht gewillt ist, die Interessen anderer über seine eigenen zu stellen, oder er ist in fordernder Weise von seiner Frau (und von seiner Mutter) abhängig geblieben. Nach Mitscherlich wird "diese tyrannisch-infantile Seite des Vaters von der Mutter einerseits gefördert, andererseits insgeheim verachtet, eine Verachtung, die sich bewußt oder unbewußt auf die Kinder überträgt."

Die Flucht in die Magersucht kann dann interpretiert werden als der verzweifelte Versuch, in eine Position "vor der Sprache" zurückzukehren und sich darin zu verankern. Von der Sprache erwartet die Magersüchtige nichts, da der "Name-des-Vaters" nicht intervenierte, um sie aus der dyadischen Beziehung mit der Mutter zu befreien und ihr den Zutritt zur Außenwelt, zur Gesellschaft zu erlauben. Solange sie im Schatten ihrer Mutter lebte, verachtete Violette Leduc Bücher. Von dem Tag an, da sie sich ihrem Vater zuwandte, faszinierten sie die Bücher, die er geliebt hatte:

"Lesen ödete mich an. 'Nimm ein Buch, lerne daraus, daß du faul bist', jammerte meine Mutter. Mir waren meine verschränkten Arme lieber, das Baumeln meiner Füße, ich zog es vor, die Häutchen an meinen Fingernagelecken zu kauen, die Haut meiner Lippen zu beißen, eine Strähne meiner Haare zwischen den Zähnen zu drücken, den Geruch meines nackten Armes zu schnuppern."

Viele magersüchtige Frauen lehnen Bücher ab, denn unbewußt wollen sie sich vom Körper der Mutter nicht trennen. Sie lehnen deshalb auch die Kommunikation mit den anderen ab. Was die Worte nicht sagen können, wird also von der Nahrung artikuliert. Essen heißt nichts anderes, als mit den anderen zu sprechen, schreibt Brillat-Savarin. Nicht essen - oder heimlich essen - heißt infolgedessen das Gegenteil, die Weigerung, in die Gesellschaft, in die Welt der Erwachsenen einzutreten. Gleichzeitig ist es ein Appell an den Vater, der seine Tochter aus der frühen Zwei-Einheit nicht befreite.


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