Patricia Bourcillier
Magersucht & Androgynie
  Home Bourcillier.com Flying Publisher

 
Einleitung

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5

Epilog

Bibliographie

Download

 

3. Die Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit mit der Mutter

zur Kapitelübersicht

3.9 Der Körper und seine Beziehung zum Schreiben

Ecrire, c'est se cacher. (Bachelard)

Schreiben heißt, sich zu verbergen.

Die Werke der oben zitierten Autorinnen stehen auf der Seite des Ur-Genießens, des Ur-Schmerzes und des Todes. Jedes Wort agiert im Umfeld des "Loches", das im Realen, also in seinen Signifikanten hinterlassen wurde. Die Schreibenden werden ständig "dieser Bindungslosigkeit, dieser Science-Fiction Verfremdung" ausgesetzt. Sex war die einzige Sache, die sich für Maryse in Worte fassen ließ, "weil die Zeit stehen" blieb. In ihrem Alter (sie war sechsunddreißig) erinnerte die Natur eigentlich "nur an die eigene Sterblichkeit. Liebe hieß, sie vergessen." Indem sie sich schrieb, kehrte sie in diesen Körper zurück, den sie als den beunruhigenden Fremden, Ursache und Ort ihres Unglücks, betrachtete.

Wenn der Körper aber zensiert wird, wird gleichzeitig das Wort zensiert: "Mein Ausstoß an Wörtern stieg in diametralem Verhältnis zu meinem Gewichtsverlust", schreibt hierzu Karen Margolis. Mit dem Auftreten der Schrift wurde die Inschrift der Körper der Individuen auf eine anonymere Haut, das Pergament, übertragen. Indem sie sich schreiben, wollen magersüchtige Frauen ihren durch die Angst, durch die Scham eingemauerten, vom Durcheinander seiner Triebe erschreckten Körper vernehmbar machen und das Gefühl erlangen, eigene körperliche und seelische Grenzen zu haben. Auch Tania Blixen verzweifelte an ihren "Sünden" - ihren Begierden, ihren Fehlern, ihrem Unglück - und wollte sterben. Aber sie fand den Mut, sie in Erzählungen zu verwandeln. Sie rechnete sich sogar der mündlichen Überlieferung zu und sagte von ihren Geschichten, daß sie eine nahezu physische oder instinktive Quelle hätten, wie der Tanz. Durch die erotische Kraft des Erzählens erhoffte sie sich, wie einmal Scheherazade - mit der sie sich stark identifizierte - einen allmächtigen Mann zu entwaffnen, der durch den Verlust seines Glaubens an das weibliche Ideal zum Mörder wurde. Für sie waren Tod und Sexualität unentwirrbar miteinander verwoben. Ihr Leben hing von der Kraft ihrer Faszination ab, und auch sie war gezwungen, wie die Märchenfigur aus "Tausend und einer Nacht", ihre Fähigkeit, andere in ihren Bann zu ziehen, auf die Probe zu stellen - und somit zu überleben.

Im dänischen Literaturbetrieb fühlte sie sich als Außenseiterin, und aus diesem und anderen Gründen fühlte sie sich dem Romancier Meir Aron Goldschmidt sehr nah, der über sein Gefühl der Nichtzugehörigkeit, der Entfremdung von den Dänen und über die Heimatlosigkeit schrieb. Die Fremdsprache kann in diesem Fall, wie schon erwähnt, die ungestümen Gefühle auf Distanz rücken und Schutz geben. Sich einer Fremdsprache zu bedienen, heißt, einen markanten, wesentlichen Zug der eigenen Identität zu maskieren. Tania Blixen fand in der englischen Sprache und hinter einem männlichen Pseudonym die Freiheit, ihre Erzählungen zu schreiben. Das Schreiben wie die Fremdsprache geben einem Wiedergeburtsmythos Gestalt. Der Schriftsteller erlebt die Schöpfung seines Werkes als Selbstschöpfung durch Autogenese. Das Knochengerüst des Textes (Substitut des fehlenden, eigenen Körpers), das Raum und Zeit ordnet, umschließt eine Grenze zwischen "Innen" und "Außen". Auf diese Weise wird ein Ort für die repräsentative Tätigkeit und die Idee eines sich um den Körper des Textes ordnende Schöpfung begrenzt. Das Werk bildet das Antidot, das der Verfolgungsangst entgegengehalten wird.

Auch die "neue Sprache" kann eine "Auferstehung des Fleisches", eine neue Haut, eine neue Sexualität mit sich bringen. Sie gibt die Möglichkeit, einen Bereich für sich zu haben, in den die Eltern, die die Fremdsprache nicht sprechen, nicht eindringen können. Nach Julia Kristeva kann die Position, "anders zu sein", plötzlich auf positive Weise kultiviert werden und als das Endergebnis der menschlichen Autonomie erscheinen. Sind wir sprechende Menschen nicht erst unter der Voraussetzung, daß wir uns von den anderen differenzieren können, indem wir ihnen unsere persönliche Meinung von dieser wahrgenommenen und übernommenen Differenz aus kommunizieren? In diesem neuen Land, durch die Genese der neuen Wörter, wird die magersüchtige Frau die Liebe und den Weg zu anderen vielleicht finden. Im Ausland ist sie auf jeden Fall sicher, daß sie mit einem Blutsverwandten, einer Schwester, einer Tochter nicht assoziiert wird. Nichts wird an einen Inzest erinnern.


zur Kapitelübersicht